
Stell dir vor, du nimmst einen Stift, ein paar Bögen Papier und ein paar mittelalterliche Charaktere … und schon ist ein Webcomic entstanden. Kein Computer, keine KI, kein Photoshop (naja, zumindest ein wenig). Nur Hände, Tusche und ein gesundes Misstrauen gegenüber Happy Ends.
Ich bin Markus, Comiczeichner aus Luzern. In diesem Artikel zeige ich dir, wie mein handgemachter Webcomic entsteht. Von der ersten Idee bis zum fertigen Strip, der online geht. Ein ehrliches Making-of – inklusive der Momente, in denen der Strich an den falschen Stellen stehen bleibt.
Warum handgemacht? Warum Luzern?
Das ist die Frage, die ich am häufigsten bekomme. Warum in einer Zeit von Photoshop, Procreate und KI-Bildgeneratoren noch physisch mit Papier und Schere arbeiten?
Die Antwort ist einfach: weil es besser und ehrlicher aussieht. Zumindest für das, was ich machen will.
Der leicht unregelmässige Strich, die Textur des Papiers und die kleinen Farbunvollkommenheiten erzeugen eine Qualität, die digital nur schwer zu imitieren ist. Mein Comic lebt von dieser Rohheit. Die Welt, in der meine Figuren stecken, ist absurd und schräg. Das sollte man auch visuell sehen können.
Und Luzern? Nun ja. Irgendwo muss man seinen Tisch mit Panels vollräumen.
Der Entstehungsprozess: Schritt für Schritt
1. Die Idee (meistens ein schlechter Witz)
Alles beginnt mit einer Situation. Einem Satz. Einem Missverständnis, das jemand mit mittelalterlichem Halbwissen trifft. Meistens ist es eine Pointe, die ich im Kopf drehe, bis ich weiss, wie der Strip aufgebaut sein muss, damit sie landet. Daneben eine grössere Story, die nebenbei mitläuft.
Der wichtigste Grundsatz meines Comics: Das Bild dient dem Text, nicht umgekehrt. Ein schönes Panel mit einer schwachen Pointe ist nutzlos. Ein unaufgeräumtes Panel mit einem guten Witz funktioniert.
2. Script und Dialog
Bevor eine einzige Linie aufs Papier kommt, steht das Skript. Ich schreibe die Dialoge aus, lese sie laut vor und streiche alles, was zu viele Worte braucht. Guter Comic-Dialog ist kurz. Jedes Wort, das nicht zur Pointe beiträgt, fliegt raus. Manchmal braucht es ein paar Anläufe, bis der richtige Text sitzt.
Für einen typischen Strip schreibe ich oft mehrere Versionen des letzten Panels, bis die Pointe sitzt.
3. Skizze und Panel-Layout
Das Layout skizziere ich direkt auf ein ausgeschnittenes Panel mit Bleistift. In dieser Phase entscheide ich: Wie viele Panels? Welche Perspektive? Wo sitzt die Pointe?
Das Layout ist das Drehbuch des visuellen Ablaufs. Wenn es hier nicht stimmt, rettet mich kein noch so guter Witz.
4. Zeichnen und Tusche
Danach gibt es eine Reinzeichnung, welche wiederum mit einem Fineliner drübergezeichnet wird. Die Linien sollen klar und sauber, aber nicht steril sein. Leichte Druckunterschiede hier und da, eine leicht zitternde Linie dort. So ist es, wie ich das gerne per Hand mache.
Ich zeichne Charaktere, Objekte und Hintergrundelemente separat, damit ich beim Zusammensetzen die Freiheit habe, die Komposition noch anzupassen. Der Fineliner ist dabei das wichtigste Werkzeug, denn er entscheidet über Gewicht, Stimmung und Lesbarkeit des Panels.
Wenn eine Linie nicht stimmt, wird sie nicht digital korrigiert. Sie bleibt, wie sie ist. Höchstens mit weisser Tusche drüber und nochmal neu versuchen bei ganz schlimmen Linien.
5. Farbe
Ich färbe mit Wasserfarben. Das mache ich nach Lust und Laune, aber die wiederkehrenden Charaktere haben ihre eigene Farbpalette, die ich notiert habe. Beim Rest gehe ich frei drauflos, denn es soll mir Spass machen.
6. Scan und Nachbearbeitung
Der fertige Strip wird eingescannt. Was online wie ein digitaler Comic wirken mag, ist in Wirklichkeit ein sorgfältig arrangierter Haufen Papier – fotografiert und digitalisiert.
Die Nachbearbeitung halte ich minimal: Kontrast, Helligkeit, gelegentlich kleine Korrekturen. Eine Textur. Und fertig. Den handgemachten Charakter will ich nicht wegbearbeiten, der soll so bleiben.
7. Veröffentlichung als Webcomic
Die fertigen Strips erscheinen als Webcomic online. Vollständige Strips gehen als Karussell auf Instagram.
Was macht diesen Webcomic aus?
Der Comic spielt in einer mittelalterlichen Fantasywelt, die sich um ihre eigene Absurdität nicht besonders schert. Der Humor ist trocken, gelegentlich dunkel und arbeitet gerne mit dem, was nicht gesagt wird.
Handgemachter Comic in der Schweiz
In der Schweizer Comic-Szene gibt es viel Qualität. Handgemachte, physische Webcomics sind eine Seltenheit. Das ist kein Zufall. Es ist aufwendig und unberechenbar.
Genau deshalb mache ich es so.
Als Comic-Zeichner in Luzern arbeite ich bewusst gegen den Trend der schnellen, digitalen Produktion. Jeder Strip ist ein kleines Unikat, bevor er eingescannt wird. Das Original existiert als physisches Objekt auf meinem Schreibtisch, bevor es ironischerweise als Webcomic auf deinem Bildschirm landet.
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